Realistische Tragflächenverspannung erzielen

Königsdisziplin Doppeldecker-Bau: Bristol F-2b Fighter

Realistische Tragflächenverspannung ist die Königsdisziplin im Doppeldeckermodellbau. Wie und wodurch man diesen Thron besteigt, zeigen wir am Beispiel der Bristol F-2b Fighter von Wingnut Wings im Maßstab 1:32.

Realistische Tragflächenverspannung erzielen: Bristol F-2b Fighter von Wingnut Wings © Albert Tureczek
Realistische Tragflächenverspannung erzielen: Bristol F-2b Fighter von Wingnut Wings

Wingnut Wings war der Newcomer des Jahres 2009 und hat dabei für Furore gesorgt. Erst war das Internet voller Gerüchte (Herr-der-Ringe-Regisseur Peter Jackson höchstpersönlich sollte dahinter stecken) danach Lobeshymnen über die Qualität der Bausätze und schließlich synchron dazu Bauprojekte. Das Ganze war schon toll, grenzte aber auch beinahe an Hysterie. Ich war einigermaßen skeptisch. Aber auch meine Neugier war geweckt und als MODELLFAN wegen eines Bauberichts anfragte, sagte ich kurzerhand zu.

Das Modell ist schon seiner Größe wegen beeindruckend. Die Schachtel ist ebenfalls Luxusklasse und speziell laminiert. Man möchte den Karton gar nicht mehr weglegen. Sein prall gefüllter Inhalt besteht aus 156 hellgrauen Plastikteilen verteilt auf sechs Spritzlinge. Dazu kommt eine Ätzplatine mit Sitzgurten und diversen Hebeln.

Ein umfangreicher Decalbogen erlaubt die Dekoration von fünf verschiedenen Maschinen. Der absolute Hammer ist aber die Bauanleitung. Sie ist wie ein Heft gestaltet, voll mit farbigen Explosionszeichnungen, welche jeweils die aktuellen Baustufen in Blau anzeigen. Dazu kommen schwarzweiße Fotos von Frontmaschinen und tolle Farbfotos von restaurierten Museumsexemplaren.

Weiteres Zubehör ist zum Bau nicht notwendig. Insgesamt ist das Modell nicht kompliziert und kann sogar dem ungeübten Modellbauer oder Neueinsteiger empfohlen werden. Will man sein Modell aber mit voller Bespannung bauen, dann ist eine gewisse Erfahrung schon von Vorteil.

Ausgehend vom Cockpit der Bristol

Der Zusammenbau startet mit dem Cockpitmodul. Der Pilotensitz ist ein sehr schön profilierter Korbstuhl. Wenn man diesen von hinten vorsichtig mit einem scharfen Skalpell ausdünnt, kann man durch die Flechtungen durchsehen. Das sieht toll aus, ich muss aber gestehen, dass es nicht meine Idee war. Ich habe das irgendwo im Internet gesehen und war fasziniert davon.

Die Gurte sind Fotoätzteile und ebenfalls wunderschön detailliert. Die Instrumente finden sich als Decals, die man nur einsetzen muss. Ich habe auf meine Armaturen noch Gläser aufgesetzt, die mit einem Waldron Punch & Die Set aus dicker Klarsichtfolie ausgestanzt wurden.

Ein toller Effekt mit relativ kleinem Aufwand. Das Lewis Maschinengewehr des Bordschützen liegt in doppelter Ausführung bei. Einige der Versionen besitzen eine Zwillingslafette. Auch hier bringen Ätzteile den letzten Schliff. Die Trennwand hinter dem Bordschützen bestand beim Original aus Leinen mit drei aufgenähten Taschen, wofür dem Modell ein Ätzteil beiliegt.

Ich bildete die Taschen jedoch aus Bleifolie nach, die weit einfacher zu formen war, als die starren Stahlprofile der Ätzplatine. Der Rahmen des Cockpitmoduls ist wie beim Original als Gerüst aufgebaut und kann vor dem Einsetzen leicht bemalt werden. Etwas schwieriger ist es mit dessen Verspannung zwischen den Holzstreben, die natürlich auch vorher angebracht werden muss.

Die Arbeit lohnt sich aber, das Cockpit ist ein richtiger Blickfang. Nach dem Bau, dem Bemalen und Verspannen wird das Modul von unten in die bereits zusammengefügten Rumpfseiten eingesetzt und verleimt. Diese Phase ist etwas kritisch, weil man dieses „Modell im Modell", inkl. seiner Verspannung, nicht beschädigen möchte.

Die Klebeflächen sind im 45-Grad-Winkel zueinander gehalten, das versteckt die Klebepunkte und vergrößert sie gleichzeitig, um eine stabilere Verbindung zu erhalten. Genial! Die Passform ist ausgezeichnet, man braucht nur Flüssigklebstoff zwischen die beiden Teile laufen lassen, fertig!

Was uns bewegt...

Der Motor ist ein Modell im Modell. Er ist sehr detailliert und kann am fertigen Modell entweder komplett abgedeckt, teilweise abgedeckt oder aber offen gezeigt werden. Bei meinem Modell wollte ich den Motor aus Fotogründen voll verkleidet darstellen. Die Motorabdeckungen sollten aber entfernbar bleiben, um den fertigen Rolls Royce Falcon auch offen zeigen zu können.

Das kann man durch die hervorragende Passform aller Komponenten auch durchweg bewerkstelligen. Bei mir fielen dabei jedoch ziemliche Anpassungsarbeiten an, was aber allein meine Schuld war. Ich konnte nämlich das Superdetaillieren nicht lassen und verpasste meinem Motor alle Kabel und Schläuche, denn der ist so gut nachgebildet, er schrie geradezu nach diesen letzten Details.

Es ergab sich noch ein weiteres Problem, da zwei Fixpunkte der Bespannung gerade durch die zwei seitlichen Abdeckbleche laufen. Mehr dazu aber im Kapitel Bespannung. Das Fahrwerk ist ziemlich filigran und dürfte beim Original auch ein Problem gewesen sein.

Wenn man das fertige Modell leicht an den Flügeln antippt beginnt das Flugzeug bereits zu schaukeln. Der Grund hierfür liegt in der Konstruktion der Brisfit, bei der der Rumpf eigentlich zwischen den beiden Flügeln schwebt. Er ist mit sechs dünnen Streben am unteren Flügel angebracht und mit vier weiteren, ebenfalls dünnen Streben, am oberen Flügel befestigt.

Meine brachen so oft ab, dass ich sie kurzerhand gegen aus Draht gebogene austauschte. Das Ganze blieb aber trotzdem noch ziemlich wackelig, was natürlich auch durch die Größe des Modells bedingt ist.

Die Bemalung war recht einfach und ergab keine nennenswerten Probleme. Man muss sich nur mit reichlich Farbe eindecken, da ein so großes Modell natürlich auch viel davon verbraucht. Meine Wahl fiel auf folgende Humbrol-Töne: Grundfarbe: Olive Drab H155 für die Oberseite und Gull Grey H20 für die Unterseite. Propeller und Streben wurden mit Ölfarben von Windsor & Newton im Ton Burnt Siena bemalt.

Die Abziehbilder überraschten mich, es handelte sich um die qualitativ besten Decals, die ich jemals verarbeitet habe. Man konnte sie auf eine matte Oberfläche ohne Silvering-Effekt auftragen! Eigentlich wollte ich die Decals anbringen und danach den transparenten Trägerfilm mit dem Skalpell wegschneiden, um mir die langweiligen Malgänge mit Glanz- und Mattklarlacken zu ersparen.

Das war aber gar nicht notwendig und das einzige was zu tun übrig blieb, war einen Hauch Mattlack über die Decals zu sprühen, um diese zu versiegeln, fertig! Ich entschied mich zudem für eine moderate Form der Alterung, wozu eine Terpentin-Ölfarbenmischung und Pastellkreide in verschiedenen braunschwarzen Tönen verwendet wurde.

Ganz schön auf Draht…

Den ganz besonderen Reiz bei Flugzeugmodellen aus dem Ersten Weltkrieg bildet die Bespannung. Sauber ausgeführt hebt sie das Modell aus der Menge und ist faszinierend anzusehen. Normalerweise sind WK1-Flugzeuge nicht mein Spezialgebiet, aber ein paar sind es über die Jahre schon geworden und jedes Mal bedeutete die Bespannung ein Problem. Meistens habe ich mit dünnem Kupferdraht gearbeitet.

Er ist ziemlich stark und man kann auch leicht die richtige Stärke ermitteln. Die Spannung verschwindet aber meistens schon während der Arbeit und die Drähte kringeln sich dann fast wie Engelshaar. Das ist natürlich übertrieben und man muss schon genau hinsehen, um es zu entdecken, aber das ist ja genau das was Modellbauer tun.

Da die Bespannung der Bristol sehr umfangreich war, entschloss ich mich dieses Mal für einen anderen Weg. Meine Wahl fiel auf Tactel Fiber. Das ist eine ultradünne elastische Faser aus der Textilproduktion, die ich schon früher eingesetzt hatte, meistens als Antennenkabel. Bei der Brisfit finden sich aber viele verschiedene Drahtstärken bei der Bespannung.

Wo es erforderlich war, verlegte ich die Faser daher einfach doppelt und vierfach. Weiterhin fertigte ich auch richtige Befestigungspunkte, die aus dünnem Kupferdraht gebogen und wie Ösen ausgeformt in die Flügel versenkt wurden. Dazu wurden dünne Löcher gebohrt und die Ösen darin mit Sekundenkleber eingelassen.

Nun konnte ich die einfachen, doppelten oder vierfachen Tactel-Fasern in passender Länge abschneiden und einfach einfädeln. Die dicksten Drähte bildeten die Verspannungen zwischen den Flügeln. Sie sind beim Original oval im Querschnitt, aber darüber sah ich hinweg. Nach dem Einfädeln und Erreichen der gewünschten Spannung wurden die Faserenden mit Holzleim fixiert und an den Enden schwarz bemalt.

Das war sehr zeitraubend und setzte gutes Werkzeug voraus, war aber die ganze Mühe wert. Die Verspannung verläuft auch durch die schon erwähnten Abdeckbleche in den Motorraum. Das war für mein Vorhaben der abnehmbaren Verkleidung nicht praktikabel und ich musste mir was einfallen lassen.

Die Lösung bestand in einer am Motorblock angebrachten Öse, unmittelbar hinter der Öffnung des Seitenbleches und dem Anfertigen eines Mini-Hakens mit einer Öse am Verspannungsseil. Damit konnte die Faser dann am Motor eingehängt und jederzeit leicht wieder mit einer Pinzette abgenommen werden.

Was am Ende bleibt?

Ein herzliches Willkommen an die Kiwis von Wingnut Wings, die eine klare Bereicherung der Modellszene darstellen. Das Programm ist zwar auf Flugzeuge des Ersten Weltkrieges und auf den Maßstab 1:32 begrenzt. Es wird aber kontinuierlich ausgebaut und die weiteren Neuankündigungen sehen auch schon sehr vielversprechend aus.

Das Konzept der Bausätze ist technisch hervorragend durchdacht. Es ist in diesem Bezug auch wegweisend und hat die Messlatte für einen Qualitätsvergleich eindeutig gehoben.

TEXT und FOTOS: Albert Tureczek
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