Zeitgemäße Jet-Rarität?

Folland Gnat: Der verkannte Trainer

Nach nunmehr 48 Jahren gibt es endlich eine Neuauflage der Folland Gnat von Airfix. Eine Rarität – es ist die einzige aktuelle 72er-Spritzguss-Ausführung dieser Jet-Entwicklung! Doch wie zeitgemäß kommt der kleine Jet aus der Schachtel?

Das Day Glow Orange harmoniert sehr gut mit Silber und verhilft dem Flugzeug zu einem attraktiven Erscheinungsbild © Andreas Weber
Das Day Glow Orange harmoniert sehr gut mit Silber und verhilft dem Flugzeug zu einem attraktiven Erscheinungsbild

Erinnern Sie sich noch an die ­alten Deckelbilder der Gnat T.1? Mal in Orange/Silber, Rot wie die Red Arrows oder auch im Gelb der „Yellow Jackets“, aber eben schon schwer in die Jahre gekommen? Nachdem die erste Airfix-Variante bereits 1964 ­herauskam und farbige Glanz-Lackierungen die mangelnde Größe etwas wettmachten, hat sich Airfix des Vorbilds nun auf aktuellem Bausatzniveau angenommen.

Das bedeutet: versenkte Gravuren, die auf den ersten Blick akzeptabel ausfallen, aber gerade bei einem so kleinen Jet zeitgemäßer, also feiner sein könnten. Die Abfolge der Bauanleitung ist annehmbar, die Auslegung der meisten Bauteile auch.

Ach, wie winzig

Zugegeben, hier kommt nicht viel Jet aus der Schachtel. Die übersichtlichen Bauteile sind überwiegend sauber ohne allzu viel Grat gespritzt. Da gut einsehbar, entschied ich mich, die schlichten Schleudersitze nach Internet-Vorlagen zu vervollständigen. Das Innenleben fällt einfach aus und ruft nach Belebung.

Beim Original in einheitlichem Grau mit wenigen Farbtupfern war das nur wenig anders. Konsolen und Details sind in den Rumpfhälften angegossen, die Instrumentenbretter als Decals klasse gedruckt und später ebenfalls gut sichtbar.

Wer mehr Authentizität möchte, sollte spätestens vor dem Zusammensetzen der Rumpfhälften über den Einbau des „blast shield“ nachdenken, des Plexiglas-Windschutzes vor dem hinteren Sitz. Dessen Kontur ist interessanterweise auf der Lackieranleitung der Schachtel zu sehen – wie auch auf den meisten Fotos der Trainer.

Bei einigen scheint es aber auch wieder entfernt worden zu sein; man hat also die Wahl. Die Cockpitverglasung ist leider einteilig und durch vorsichtiges Feilen spaltenfrei anzupassen. Ein Aufsägen verbietet sich wegen der sichtbaren Materialstärke, der Hebemechanismus seitlich im hinteren Cockpit wäre ohnehin selbst anzufertigen.

Nacharbeiten ergaben sich auch beim Anbau der Lufteinläufe 5B/6B. Diese zeigen leichten Grat, sind etwas zu tief und passen erst nach Kürzen in ihre Aufnahmen. Zudem entsteht zum Rumpf eine Stufe beim Übergang in den Luftkanal. Von der Lackierung der Luftkanäle ist später nur im vorderen Bereich Farbe zu sehen.

Der Zwerg bekommt Beine

Auch wenn es riskant wird: Die bestückten Fahrwerksschächte sollten in der Tat erst in die Rumpfhälften eingesetzt werden. Das erhöht zwar das Bruchrisiko beim Schleifen der Rumpfnaht, ist aber weniger schweißtreibend. Ich jedenfalls ging über die Bauanleitung großspurig hinweg und setzte erst am Schluss das Fahrgestell ins lackierte Modell.

Dem Hauptfahrgestell spendierte ich noch die Kabel der Bremshydraulik, solche Details suchen Sie aber nachher mit der Lupe! Das Bugfahrgestell kann allerdings warten, zumal auch dessen Einziehstrebe sehr bruchgefährdet ist. Die Räder kommen dem Original sehr nahe, sind aber leider nicht konsequent gefertigt.

Die Außenfelge der Haupträder gefällt mit Details, die Struktur der Bremsen an der Innenfelge ist auch noch okay, dafür fehlt aber die Gravur des Felgenrands – ich malte also freihändig. Und Achtung! Bei den Trockenarbeiten ist darauf zu achten, dass die Bremsen zum Heck hin an der Felge sind.

Immerhin sind die Haupträder aber belastet ausgelegt, und der Achsenquerschnitt hilft beim Ausrichten. Die nachlässige Kontur der Felgen trifft auch die beiden Bugrädchen. Als Lackierhilfe bietet sich an, die Felgenränder mit Zirkel oder Kreisschablone einzuritzen.

Gravierend oder nicht

Die Gravuren sind an den richtigen Stellen, haben überwiegend gerade und gleichmäßige Linien, fallen aber etwas zu breit aus. Auch könnten sie etwas kantiger sein, was den Winkel zur Oberfläche angeht. Zudem sind sie leider nicht in gleicher Breite und Tiefe über das Modell verteilt, insbesondere an der Unterseite. Dafür kommen die Lüftungsöffnungen am Rumpf schön strukturiert daher.

Die Auslegung des Tragflügels sorgt für eine hübsche, dünne Hinterkante – warum wird das nicht öfter so gelöst? Die Unterflügel 8A/9A sind zum Randbogen zu dick und sorgen nach dem Ankleben für eine leichte Stufe, die aufwendig zu nivellieren ist.

In den Randbögen sind die Positionslampen integriert, entlang deren Konturen ich sie heraussägte und entsprechendes Klarsichtmaterial einsetzte. Sieht vielleicht frickelig aus, war aber eigentlich schnell gemacht, und der Gnom gewinnt durch liebevolle Details.

Die Aufteilung der Tragflächentanks in drei Bauteile war leider keine gute Idee, da diese nicht gut zusammenpassen. Es fiel daher einige Nacharbeit an, um Spalten zu füllen und insbesondere das vordere Ende wieder in Zäpfchenform zu bringen. Eine vorsorgliche Trockenmontage unter dem Tragflügel erleichtert den späteren Anbau der fertig markierten Tanks.

Das dicke Ende

Das meine ich wörtlich. Das Endrohr 16A hat leider eine unsaubere Innenkante, die mit gleichmäßigem, vorsichtigem Schleifen gerettet werden muss. Probieren sollte man auch früh genug, ob das Bauteil in das fertige Rumpfheck passt; wir wollen doch so kurz vor Bauende unter der Verglasung keinen Schleifstaub von der Heckverkleidung, oder? Die Höhenflossen sind vertauscht markiert: Die Stelltriebe der Trimmklappen gehören auf die Unterseiten.

Antennenwald

Wofür braucht so ein kleiner Kerl eigentlich so viele Antennen? Es sind immerhin drei größere Blattantennen, dazu am Bug noch drei kleine dreieckige. Die untere Blattantenne kann man entweder gleich abschneiden oder kurz darauf „verse­hent­lich“ abbrechen, sie sollte jedenfalls ­ent-fernt und erst am Schluss wieder angeklebt werden.

Die oberen weisen tatsächlich nach außen, was spaßig aussieht und dem kleinen Kerl gut steht. Sie passen gut in die Aussparungen und sollten ebenfalls möglichst spät eingesetzt werden. Die Messsonde entstand aus einer 0,45-mm-Kanüle, Sekundenkleber und 0,3-mm-Stahldraht als Montagestift und Spitze.

Keine Antenne, aber genauso auffällig ist der Landescheinwerfer unter der Verkleidung 2C. Ich schliff den Aufnahmesockel am Bug flacher, klebte einen geätz­ten Re­­flektor von  zwei Millimetern an und setzte das Klarteil darüber.

Mein Orange – dein Orange

Die Lackierungsvariante sorgt dafür, dass die Gnat in der Vitrine auffällt. Day Glow Orange harmoniert gut mit Silber, die großartigen und präzise gedruckten Decals mit reichlich Stencils sorgen für langen Bastelspaß. Ich fand ein Schwarz-Weiß-Foto der XP530, wonach der Glanzgrad von Silber und Orange unterschiedlich war; Letzteres reflektierte matter.

Wieviel Day Glow es sein soll, kann zur Geschmacksfrage werden. Die schlechtere Wahl ist das blaustichige Humbrol Acrylic 209 der Bauanleitung – es sei denn, man mag die Farbe von Rettungswagen. Die Filmfreunde unter den Lesern werden sich vielleicht an die „Oscar Entenweich 5894“ aus der ­Kinosatire „Hot Shots“ wagen, also in schlichtem Grau mit Hi-Viz-Markierungen.

Damit das Weiß der Kokarden auch so bleibt, maskierte ich deren Positionen mit Maskierfolie beziehungsweise mit den guten alten Anreibekreisen in 6,5 Millimeter. Das war es dann auch mit dem Bau.

Auch wenn der Mini-Trainer im fertigen Zustand putzig aussieht und mangels besserer Alternativen sowie wegen des günstigen Preises sehr empfehlenswert ist, hätte ich mir doch etwas präziser gefertigte Bauteile gewünscht. Ansonsten geht der Zusammenbau leicht voran, wobei die Passgenauigkeit zwischen häufig gut und teilweise ausreichend schwankt. Setzt man höhere Ansprüche an, hätte dieser interessante kleine Jet aber doch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

TEXT und FOTOS: Andreas Weber
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