Charakterprobe Short-run-Kit?

Lockheed PV-2 Harpoon

Bedeutet die Verwendung eines Short-run-Kits, dass im Ergebnis auch Kompromisse zu erwarten sind? Oftmals stellen solche Modelle eine Charakterprobe für Fortgeschrittene dar. Lesen Sie, weswegen man aber dennoch nicht um Special Hobbys 72er-Harpoon herumkommt.

Der Außenanstrich der brasilianischen Harpoon entsprach dem USN-Anstrich für Atlantik- Patrouillenflugzeuge: Dark Gull Grey auf waagerechten, Weiß matt auf senkrechten Flächen und Weiß glänzend auf den Unterseiten © Andreas Weber
Der Außenanstrich der brasilianischen Harpoon entsprach dem USN-Anstrich für Atlantik- Patrouillenflugzeuge: Dark Gull Grey auf waagerechten, Weiß matt auf senkrechten Flächen und Weiß glänzend auf den Unterseiten

Short-run ist ja keineswegs gleich Short-run. Auf der Haben seite finden sich in der Regel feine Gravuren, manchmal Kleinteile aus Resin, seltener Vaku-Verglasungen oder Ätzteile und oft gute Klarsichtteile.

Weniger hoffnungsvoll die Soll-Seite: die Wandung (z.B. Rumpfschalen) ist oftmals gut einen Millimeter dick; die Hinterkanten von Trag- und Leitwerken sind nur wenig dünner, sodass deren Profile zwangsläufig zu dick werden. Auch sind Kleinteile selten brauchbar und die Passgenauigkeit ist manchmal nur mäßig, wobei meist Passstifte oft gänzlich fehlen.

Am Anfang war …

… die Ernüchterung, da Special Hobby seine Harpoon leider etwas lieblos gestaltet hat. Die wenigen Resin-Teile ändern an diesem Umstand nichts. Dem Bauplan kann man überwiegend folgen. Man sollte aber das Fahrgestell erst kurz vor dem Lackieren im Fahrwerkschacht einbauen.

Zunächst legte ich die Rumpfhälften mit den Bugseiten auf eine ebene Fläche und tupfte Ambroid-Kleber zwischen die Teile. Wer möchte, dass Piloten auch über den Bug sehen können, legt deren Sitze 1,5 Millimeter höher. Das Cockpit hübschten ein Ätzteil-Set von MPM und selbst gebaute Details auf, da der Blick auch auf den nicht vorhandenen Arbeitsplatz des Funkers fällt.

Spätestens beim Einbau der Pedale fällt auf, dass die Proportionen im Cockpit nicht stimmen: Es ist zu viel Platz zwischen Sitzen und Armaturenbrett. Das Cockpitschott A4 sollte besser nach den Streben der Verglasung ausgerichtet werden. Wer nur der Markierung auf dem Flugdeck A24 und der Rumpfstruktur folgt, wird sich wie ich beim Aufsetzen der Verglasung ärgern.

Diese war bei meinem Bausatz gut 0,5 Millimeter zu schmal, sodass ich die Bleche unter den Seitenscheiben bis zur Bündigkeit abschliff. Bei der Wahl der Vorlage ist auf die seitlichen Fenster im Heck zu achten: Das Polieren der Teile CP3/4 entfällt, wenn sie wie bei den meisten Harpoon nicht vorhanden waren.

Von der Lafettierung der unteren MG samt Munitionszuführung ist später leider kaum etwas zu sehen. Auch war auf einem Foto dieses Waffenstandes die Halterung A17 nicht auszumachen. Zudem wurde das Klarsichtteil CP10 an den MG nur bei zwei Baulosen/Nummernblöcken verwendet, und auf den meisten Vorbildfotos ist auch kein offener Waffenstand zu sehen.

Das dicke Ende kommt noch

Ich schliff sorgfältig die Leitwerkshälften flächig dünner. Doch trotz der solchermaßen vollzogenen Verschlankung wirkten sie immer noch zu dick. Die Seitenleitwerke gravierte ich im Ruderspalt nach und öffnete die Ruder nach Fotovergleich unter dem mittleren Scharnier. Zur besseren Ausrichtung verzapfte ich die Endscheiben noch an der Höhenflosse.

Die Höhenruder sägte ich aus, da sie bei abgestellten Harpoon meist leicht nach unten ausgelenkt waren. Die Harpoon hatte zudem am mittleren, festen Leitwerksteil ein bewegliches Blech, das Special Hobby korrekt leicht erhaben darstellt. Dieses wurde beim Original beim Ausschlag der Ruder aber nach oben „mitgenommen“ und vergrößerte die wirksame Ruderfläche.

Am Modell setzte ich dies durch ein 0,3 Millimeter dickes Alu-Blech in den Maßen 7 x 10 Millimeter um. Es sind eben diese kleinen Eigenarbeiten, die insgesamt die Qualität und natürlich auch die Zufriedenheit mit der eigenen modellbauerischen Leistung steigern helfen. Pimp my Sternmotor Für die Motoren griff ich auf die frühen R-2800 von Vector zu. Deren 18 einzelnen „Pötte“ sind flott zu montieren.

Der Verteilerring entstand aus verdrilltem 0,5-Millimeter-Draht, direkt dahinter und mittig vor jedem Zylinder nahm eine 0,4- Millimeter-Bohrung ein U-förmiges Stück dünnen Drahts auf, dessen Enden auf halber Höhe bzw. oben in den Zylindern endeten. Lackiert wurden der hintere Motorteil mit Alclad Aluminium, darüber kam ein kontrastreiches Washing.

Ocean Grey auf dem Getriebedeckel harmonierte mit den Anbauteilen in Schwarz. Die Zündkabel bemalte ich wie den Verteilerring mit Revell 90 Silber und die Isolierung Rotbraun. Aus schwarzen Borsten eines Besens entstanden Stößelstangen.

Ich füllte Sekundenkleber-Gel in Bohrungen rechts und links vor den Zylindern, steckte die Borsten nach Bemalung des Motors dort ein, zog sie dann bis zum Zylinderkopf hoch und klebte sie an. Die Propellerblätter waren brauchbar, die Naben dagegen nicht. Letztere schnitt ich aus den Propellern der B-24D von Academy und verstiftete diese Teile mit 0,5-Millimeter- Draht.

Flügel und so …

Als Erstes verschwanden die länglichen Strukturen auf den Oberflügeln vor den Landeklappen, da ich sie nicht auf Fotos bestätigt fand. Die Triebwerksgondeln klebte ich zusammen und setzte dann die Fahrwerksträger B24/C23 von oben ein. Die Teile B23/C27 passten ohne Mehrarbeit nicht in die Gondeln, waren aber ohnehin funktionslos und fehlen bei meinem Modell.

Die Hutzen B9/C7 mussten ebenso geöffnet werden wie die Endrohre B16/C17. Die Ölkühlereinläufe B6/C6 verklebte ich als Einheit mit dem MPM-Ätzund Resin-Teil des Bausatzes. Die Triebwerksgondeln passten nicht ohne Nacharbeit unter die Tragflügel, hier fielen Spachtelarbeiten an.

Für den Anbau der Vector-Motoren kürzte ich die Konen der Motorträger so weit, dass später die Getriebegehäuse 0,5 Millimeter aus der Motorverkleidung herausragen. Überhaupt ist die Auslegung der Motorverkleidung unglücklich, weil der Backbord- Motor leicht nach außen weist.

Das Schachtelbild macht eine Raketen-Bewaffnung schmackhaft, leider finden sich in der Schachtel aber keine Montagepunkte für die Starter der 2 x 4 HVAR. Meine acht HVAR mit den Startern stammen aus einer anderen Quelle. Die Tanks mit Pylonen tauschte ich gegen eine feinere Ausführung aus meinem Fundus.

Wer die Landescheinwerfer durch Reflektoren aufwerten will, nimmt welche mit 2,5 Millimeter Durchmesser. In Verlängerung ihrer Position zeigen Fotos kurz vor den Querrudern T-förmige Antennen des Funkhöhenmessers, die ich aus einem 0,25 Millimeter dicken Sheetstück als Träger und einem Borstenstück einer Zahnbürste als Dipol nachbildete.

Der Harpoon Beine machen

Die seitlichen Streben am Fahrwerk schnitt ich heraus und steckte feinere Rundprofile durch die Teile B2/C2 ins Fahrwerksbein. Die hinteren Streben B7/C9 baute ich neu und feiner auf und dann die Fahrgestelle komplett zusammen. Den Fahrwerksklappen spendierte ich ein Innenleben zusammen mit zwei schmalen Sheetstreifen für die Montage am Fahrwerkschacht.

Lets get ready to fumble

Der Martin-MG-Turm wurde besonders nett eingerichtet, was leider durch die Verzerrung der Kuppel nicht vollständig ’rüberkommt. Nach unten hin sollte hier der Sitz des Bordschützen, mit Beckengurten versehen, die Sicht begrenzen, auf halber Strecke darüber sitzen zudem zwei Schaltkästen in T-Form.

Weil es nach mehr aussah, setzte ich noch je ein Ätzteil der Verschlussheizung von Aires auf die MG-Gehäuse und verkabelte diese sowie die Magneten hinten an den Verschlüssen. Zwischen den Gehäusen ergänzte ich mittig zwei Panzerbleche, dazwischen das Revi mit Kabel, Schutzbügel und Revi-Scheibe sowie davor die beiden „Rampen“ der Munitionszuführung.

Die Munition lieferte eduard als lackierte Variante mit Abschnitten für die flexible Munitionszuführung. Die Gurtglieder sollten dunkler sein, Anthrazit ist die passende Farbe. Es stehen sogar sechs verschiedene Gurtungen zur Auswahl, inklusive „Bunter Mischung“. „Unten“ gurtete ich also rote Spitzen (panzerbrechende, Brand- und Leuchtspurmunition), oben viermal Hellblau (Brandmunition) und einmal Rot.

Die Rohre von Master Model runden den späteren Eindruck würdig ab. Das Beiblatt verschweigt den Bohrdurchmesser, wenn die Rohre tiefer eingeschoben werden: 0,7 Millimeter. Ich lackierte die Rohre Mattschwarz. Über die getrocknete Farbe rieb ich mit einem Bleistift über die Rohre und Wischsilber von Lukas trocken über die Mündungen – es war zwar eigentlich nur ein Experiment, aber mit schönem Ergebnis.

Grau ist langweilig

Die eher ungewöhnliche Markierung mit brasilianischen Hoheitsabzeichen sprach mich sofort an. Der Außenanstrich entsprach dem USN-Anstrich für Atlantik-Patrouillenflugzeuge: Dark Gull Grey auf waagerechten, Weiß matt auf senkrechten Flächen und Weiß glänzend auf den Unterseiten, jeweils mit fließendem Übergang.

Die Farben brachte ich freihändig auf, nur die Seitenruder maskierte ich für die Lackierung mit Humbrol 99/Blassgelb und Revell 48/Dunkelgrün. Die grauen und weißen Flächen würden wohl ohne Behandlung eher recht langweilig erscheinen. Dabei kann die Lösung denkbar einfach sein kann: Die Blechstöße, Konturen und Schraubstellen im Motorbereich erhielten ein Washing mit Ölfarben (Paynesgrau, Dunkelbraun).

Pastellkreide Neutralgrau trug ich über die Blechstöße der weißen Flächen auf, auf den grauen diente sie zum Aufhellen. Mit der „Chipping“-Methode (jaja, ich auch …) verteilte ich Ölfarbe (Warmgrau) mit grobem Schwamm an passende Stellen, ergänzt mit wenigen blanken Macken mit Revell Aqua Silber. Der Gesamteffekt dieser Behandlung sollte Farbflächen schlicht auflockern.

Schließlich Short-run, oder?!

Blieb noch, Antennenfäden aus „unsichtbarem Nähfaden Anthrazit“ durchzuziehen, Isolatoren anzubringen, Propeller aufzustecken und nach sieben Monaten endlich die Arbeiten glücklich abzuschließen. Tja, ich sag’ es mal so: Short-run, teilweise lieblos gestaltet, wenig dran, viel zu ergänzen, viel Arbeit.

Was bleibt, ist ein eher selten zu sehender Klassiker aus dem Hause Lockheed in einer eindrucksvollen Erscheinung. Sind Sie noch stark? Dann verrat’ ich Ihnen ’was: Das Gelb-Orange der Motorverkleidung und die „Nose-Art“ gehören zu einer PV-1 Ventura der gleichen Einheit, jawohl! Ich fand das Weiß- Grau der Harpoon zu schlicht, und was der War-Bird-Gemeinde recht ist, ist uns in diesem Falle doch mehr als billig, oder?

TEXT und FOTOS: Andreas Weber
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