Komplettes Fährset bauen

Pioniergerät Panzerfähre: Der Lastesel des Zweiten Weltkriegs

Um auch Flüsse mit unbefestigten Ufern zügig überqueren zu können, plante man im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite eine gepanzerte Fähre zur selbstständigen und geschützten Übersetzung eines Kampffahrzeugs. 

Mit der Gewichtsklasse eines Panzer IV war die Fähre ausgelastet. © Lothar Limprecht
Mit der Gewichtsklasse eines Panzer IV war die Fähre ausgelastet.

Möchte man das komplette Fährset bauen, benötigt man den jeweils komplementären Modellbausatz beziehungsweise das preislich günstigere Set aus beiden Bausätzen. Wo viel Licht ist, herrscht bekanntlich auch Schatten, und treffender könnte man diese beiden Bausätze nicht umschreiben.

Dragon hat die Panzerfähre als „Smart Kit“ mit Klarsicht- und Ätzteilen, Magic Tracks sowie einem kompletten Unterwannenbauteil gefertigt. Da das Laufwerk der Panzerfähre länger als jenes des Panzer IV war, hat Dragon auch mehr als die benötigte Zahl an Einzelkettengliedern beigegeben. Unterwanne und Deck sind mit ihren ausgezeichnet wiedergegebenen Nietenreihen und sauberen Gravuren regelrechte Schmuckstücke.

Die An- und Aufbauteile wie Poller, Anker, Schlepphaken, Zugangsluken, Führerstand, Schiffsschraube und Bootsmannstangen sind komplett. Die Lüftungszufuhr durch zwei parallele und beweglich gestaltete Rohrsysteme des Einzelbausatzes verweist auf die Modifizierung des ersten Prototyps, die im aufgerichteten Zustand dem Fahrzeug sein charakteristisches Aussehen verleihen.

Der Decksaufbau des zweiten Prototyps in der finalen Ausführung unterscheidet sich vom ersten durch einen hochgesetzten und gegen Schwallwasser geschützten Kommandantenstand sowie die Reduzierung der Lüfterrohre auf ein am Fahrzeugheck verbliebenes Paar. Ebenso wie der Prototyp I verfügt dieser Bausatz über den fahrzeugtypischen Arbeitskran, der gleichfalls nur in zusammengelegtem Zustand dargestellt werden kann.

Für die Gestaltung der auf- oder abgeklappt darstellbaren Reling liegen jeweils ein weißes Nylonseil sowie Ätzteile bei. Der Ponton wird aus sechs Teilen zusammengebaut und weist die charakteristischen seitlichen Nietenreihen sowie eine gut gestaltete, hölzerne Plankenstruktur auf. Der die Schwerlast dieser Barke tragende Ponton wurde mit starken Ketten, die Fahrradketten ähneln, am Bug und Heck der beiden Panzerfähren über Winden aus- und einziehbar gehalten.

Leider hat Dragon übersehen, dass die Panzerfähre, wie auf einem Originalbild zu erkennen ist,  über ein Ruderblatt verfügte, denn lediglich über beide Gleisketten hätte sich die Fähre im Wasser nicht genügend steuern lassen.

Auch ist die Maßstäblichkeit nicht ganz zutreffend, denn den beiden Modellen fehlen gemäß den Größenangaben der Fährfahrzeuge sowohl fünf Millimeter an Höhe als auch sechs Millimeter in der Länge, was sich aber im Gesamteindruck nicht erkennbar auswirkt. Doch gehen wir den Baustufen und damit der Reihe nach vor. Soweit sich mein Bericht ausschließlich auf ein Fährfahrzeug bezieht, benenne ich dieses mit Typ I (Bausatz Nr. 6625) beziehungsweise Typ II (Bausatz Nr. 6669). Soweit es beide Typen betrifft, wird keine Unterscheidung getroffen.

Bauunterschiede Typ I und Typ II

Bruchempfindliche Teile hat Dragon in lobenswerter Weise gepolstert verpackt, ebenso gab es keinen Verzug an Bauteilen, obwohl die Kartons sich gut gefüllt präsentierten. Zuerst gilt es, die Bauanleitungen genau zu studieren, denn es sind bei beiden Typen optionale Gestaltungen möglich und dazu einige Öffnungen zu bohren.

Ebenso heißt es, besonders auf die Bauteilbezeichnungen zu achten, da die Spritzrahmen überzählige Bauteile aufweisen. In den Baustufen 1 bis 3 wird das Laufwerk der Panzerfähre beschrieben. Keinesfalls bereits jetzt kleinere Teile an den Fahrzeugrumpf ankleben, sie brechen schneller, als es einem lieb sein kann.

Das gilt auch für die Stützrollen, die bei mir reihenweise wieder abbrachen.

Die Achse für das Leitrad ist im Gegensatz zur Bauanleitung um 90° versetzt anzubringen (!), denn anderenfalls wäre der verbleibende Zwischenraum für den Kettendurchlauf zu gering bemessen. Beim Typ I beachten, daß die Bauteilbezeichnung für die beiden Griffe am Fahrzeugbug „C9“ statt „A3“ lauten muss. 

Ominös: die fehlende Ruderanlage

Bereits in der Baustufe 4 tritt nach meiner Feststellung bei der Montage der Schiffsschraube die wesentlichste Unterlassung am Modell auf. Es fehlt eine für die Steuerung im Wasser unumgängliche Ruderanlage. Das historische Archiv der Iveco Magirus AG hatte mir hierzu bereits im Mai 1998 geschrieben, dass die technischen Unterlagen zur Panzerfähre leider nicht mehr überliefert und vieles aus Angst vor den alliierten Kontrollbehörden in der unmittelbaren Nachkriegszeit vernichtet worden sei.

Jedoch ist auf einem Foto der im Archiv befindlichen Negative als konstruktives Merkmal ein Ruder zu erkennen, wenn man das Foto in der Vergrößerung untersucht. Hiernach saß dieses Ruder unten auf einer quer verlaufenden Stange unmittelbar hinter der Schiffsschraube!

Aus einem Stück Plasticsheet in der Stärke 0,5 Millimeter habe ich das Ruder nachempfunden und auf einem 0,8-mm-Stab aufgesetzt, der sich wegen der zu geringen Höhen- und Längenmaße des Modells nach außen wölbt, statt wie am ADV/Azimut-Bausatz von 1998 gerade zu verlaufen. Diese Ruderanlage schließt zudem optisch mit dem Verlauf der Fahrzeugsilhouette ab und begründet damit zugleich die rückwärts hinausragende Schleppeinrichtung.

Die Spitze der Schraube muss zudem etwas gekürzt werden. Im Übrigen wären Fahrtrichtungsänderungen einer Panzerfähre im Schwimmbetrieb nur über die Steuerung per Ketten nicht möglich, wie es auf einem Foto des Erprobungsbetriebes sichtbar ist und wie man mir seitens eines Marinekameraden versicherte.

Ergänzende Tipps zum Bau

Die großen Wannenteile sollten nach der Montage ausreichend fixiert und zum Trocknen beiseite gestellt werden. Baustufen 5 bis 7: die beiden Bootsmannstangen färbt man anhand vorhandener Markierungen abwechselnd rot/weiß ein und kann sie ganz zum Schluss in den Halterungen einklicken. Auch die Funkantenne (1,4-Meter-Stabantenne) sollte man erst zum Bauabschluss einsetzen, denn wegen einer kleinen Unachtsamkeit brach sie mir ab.

Den Arbeitskran setzte ich komplett zusammen und schob ihn dann durch die beiden von Gussgrat befreiten Halterungen. Ebenso ist es notwendig, die Klarsichtscheiben am Fahrerstand einzupassen, will man die Klappen geöffnet darstellen. Für den großen Suchscheinwerfer auf dem Fahrerstand des Typ I ist die Stelle für das Montageloch nicht vorgegeben und muss anhand der Bauanleitung selbst ermittelt werden.

In Baustufe 8 sind die Halterungen für den Anker vertauscht bezeichnet, also Anker auflegen und anpassen. Beim Typ II können die Lüftungsrohre in der finalen Version oder für beide Fährfahrzeuge gleich gestaltet werden. Auch ließen sich diese Rohre optional abgelegt anbringen. Sie sind weder Schornstein noch Auspuff, also keinesfalls oben verrußen! Der eigentliche Doppel-Auspuff (vor den Lüftungen) lässt sich mit Farben von Vallejo und MIG einfach und realistisch bemalen.

Achtung bei den Ketten

Einem nicht unwesentlichen Fehler der Bauanleitung bin ich selbst trotz besseren Wissens in der Baustufe 9 des Typs II aufgesessen und musste mich dann beim Typ I in Baustufe 10 anpassen. Die angegebene Laufrichtung der Ketten ist falsch herum aufgezeigt, denn die Gleisketten laufen gegensätzlich zur normalerweise üblichen des Panzer IV!

Dragon hat die beiden Winden und die Hebeketten für das Fährdeck (Ponton) dem Bausatz als recht filigrane Spritzgussbauteile beigegeben. Diese überdimensionalen „Fahrradketten“ können sich seitlich nicht verwinden, weshalb die Winde (Zahnkranz) drehbar gelagert wurde. Leider hat Dragon das nicht berücksichtigt und erneut bin ich in die bautechnische Falle getappt.

Ich habe die Winden (Bauteile C16 und C23) in den Montagepunkt gesetzt, wodurch die Ketten korrekterweise nur senkrecht runter hingen und nicht in den Halterungen des Pontons angebracht werden konnten. Also musste ich die Ketten doch seitwärts verwinden – und die Kettenbrüche sind, schaut man genau hin, zu sehen. Um diese fehlerhafte Darstellung zu vermeiden, muss man die Ketten mit ihrer Winde und den beweglich verbleibenden Halterungen des Pontons erst dann an den beiden Fährfahrzeugen ansetzen, wenn man diese und das Fährdeck auf einem stabilen Untergrund oder auf einem Diorama fixiert hat.

Die Anbringung der Relingstützen mit Seil erwies sich beim Zusammenbau als „das“ Geduldsspiel! Man braucht eine äußerst ruhige Hand und gutes Sehvermögen, um die aus Ätzteilen bestehenden Seilhalterungen in die Ösen einzuhängen.

Gleichermaßen empfahl sich das Nylonseil gegen Aufspleißen durch Anflämmen zu schützen – vergleichsweise hat dies beim Typ II am längsten gedauert, weshalb ich beim Typ I darauf verzichtete und die Relingstützen in abgeklappter Version darstellte. Nur beim Typ II gilt es in den Baustufen 10 bis 12, noch auf die Montage und Anbringung des Fährdecks zu achten. Hier ist die Bauanleitung bezüglich der Hebeketten irreführend.

Die Farbgebung der Panzerfähren war im Verlaufe der Erprobung recht unterschiedlich. Beide Fahrzeuge erhielten anfangs einen dunkelgrauen Anstrich über alles, später wurde das Oberdeck, wie bei Wasserfahrzeugen üblich, mit einer hellgrauen Farbe überzogen. Auf Fotos kann man auch erkennen, dass sich der Fahrerstand durch dunkelgraue Farbe vom hellgrauen Oberdeck abhebt.

Es steht daher zu vermuten, dass die Panzerfähre, wie auch der Land-Wasser-Schlepper (LWS), das Farbschema der Kriegsmarine besaß. Folgt man dieser Feststellung, hätten diese einen Anstrich nach der Farbtonübersicht der Kriegsmarine aufgewiesen, der als Außendecksfarbe Dunkelgrau RAL 7016 (Anstrichmittel Nr. 53) und für Hellgrau RAL 7000 (Anstrichmittel Nr. 51) vorsah.

Alles in allem: trotz einiger kleiner Kritikpunkte ist die außergewöhnliche Panzerfähre ein Schmuckstück geworden.

TEXT und FOTOS, sofern nicht anders angegeben: Lothar Limprecht
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