Der neue Lange wird umgebaut

Tamiyas Jagdpanzer IV L/70 als Formenneuheit

1975 tauchte das erste Mal ein Jagdpanzer IV im Tamiya-Katalog auf. 40 Jahre später und trotz zahlreich erschienener Mitbewerber-Modelle ließ sich Tamiya nicht davon abhalten, nochmals eine Formenneuheit zu entwickeln. Was erwartet den Modellbauer?
Tamiyas Jagdpanzer IV L/70 wurde nach 40 Jahren als Formenneuheit entwinkelt. © Frank Schulz
Tamiyas Jagdpanzer IV L/70 wurde nach 40 Jahren als Formenneuheit entwinkelt.

Die Frage zu Beginn ist: Warum bringt Tamiya nicht nur eine Wiederauflage des alten, aber guten Bausatzes, sondern investiert in eine komplette Formenneuheit?

Der Bau zeigt, dass sich nicht nur die nachwachsenden Generationen über den neuen Kit freuen können. Er präsentiert sich mit einer übersichtlichen Anzahl an Bauteilen. Der zweite Blick zeigt aber auch, dass die geringe Teilezahl nicht auf Kosten der Detaillierung geht.

Es gibt einige Bauteile, die aus einem Teil bestehen und so einen schnellen und problemlosen Zusammenbau ermöglichen.

Kleines Manko sind die Laufrollen. Für sie liegen die obligatorischen Polycaps bei, als Gleisketten leider nur gut detaillierte Stränge aus Vinyl. Bei dem Bausatzpreis wären zumindest Ketten aus Segmenten und Einzelgliedern wünschenswert.

Ober- und Unterwanne lassen sich mittels eines neuen Systems unter Zuhilfenahme von Polycaps einfach und passgenau zusammenstecken.

Als Zubehör bietet Tamiya separat ein Set mit einem gedrehten Aluminiumrohr und einem kleinen Spritzling mit diversen Bauteilen für den gut detaillierten Verschlussblock an. Letzterer ist allerdings bei geöffneten Luken kaum zu sehen.

Vorbild und Modell

Wenn Sie ein Modell anhand von Originalfotos bauen wollen, führt das oft dazu, dass an dem zur Verfügung stehenden Bausatz einiges geändert werden muss. Da die Ausführung des Vorbilds nicht ganz zum Bausatz passt, oder weil dieses Vorbild einige spezifische Details aufweist.

Bei dem von mir ausgewählten Jagdpanzer IV L/70 kam beides zum Tragen! Das Fahrzeug, was mir schon lange vorschwebte, war ein spätes Baulos des Jagdpanzer IV L/70, wie er ab März 1945 gebaut wurde. Dagegen stellt das Tamiya-Modell ein etwas früheres Baulos dar.

So waren einige Änderungen erforderlich, die sich durch den Einsatz eines Ätzteil-Sets von ABER zum größten Teil recht gut abdecken lassen. Weitere Änderungen wurden nötig, da der Jagdpanzer, welcher im Original der 1. Kompanie der s.H.Pz.Jg.Abt. 655 angehörte, einige Besonderheiten aufwies.

Zusammenbau wie erwartet

Auch am Fahrwerk waren einige Änderungen notwendig. So kamen neue Leiträder der gegossenen Ausführung zur Anwendung. Diese entstammen dem Panzer IV Ausf. J von Tamiya.

Das Vorbild zeigt zudem auf der linken Seite nur eine Stahllaufrolle, während rechts beide montiert waren. Die Stützrollen erhielten zusätzlich noch einen Steg. Die alternativen Gleisketten sind Spritzguss- Einzelgliederketten der Firma Modellkasten (K-15) aus meinem Lager.

Die sind nicht beweglich, lassen sich aber aufgrund der durch die Polycaps leicht zu demontierenden Fahrwerksteile komplett zusammenbauen. Und sie passen erstklassig!

Änderungen am Heck: Ich modifizierte die Schleppkupplung und ergänzte die Auspuffrohre um die gebogenen Flammenvernichter. Diese entstammen einem Bausatz des Flakpanzers Ostwind von Dragon.

Waffe und Oberwanne

Obwohl das Bausatz-Kanonenrohr gut ist, ließ ich mich dazu hinreißen, das hauseigene Zubehör-Set von Tamiya zu kaufen. Das Alu-Rohr daraus ist passgenau und die Teile an dem kleinen, zusätzlichen Spritzling ergeben ein gutes Replikat der Waffenanlage.

Sie ist so konzipiert, dass sie sich ganz zum Schluss komplett in das fertige Modell einsetzen lässt. An der Oberwanne sind einige Änderungen angebracht. Zunächst ersetzte ich die Lüfterhutzen auf den Luken der Lenkbremsendurch einfache Griffe.

Die Rohrstütze zeigt bei den späten Fahrzeugen keinen Durchbruch. Dieser kann mit Plastik verschlossen werden oder man baut die Rohrstütze komplett neu. Am Bug befand sich beim Vorbildfahrzeug eine hier aus Plastik einfach anzufertigende Aufstiegshilfe.

Das Lampenkabel für den Bosch-Scheinwerfer ergänzte ich aus Bleidraht und baute die vorderen Kettenabdeckungen aus Ätzteilen neu auf. Weitere wichtige Änderungen fielen am vorteilhaft separat beiliegenden Aufbaudach an.

Zunächst entfernte ich die Führung für die Richtmittelabdeckung und baute sie mit Ätzteilen neu auf, um den späten Rüststand darzustellen. Außerdem wurden die drei „Pilze“ für den 2-t-Behelfskran und drei Halterungen für den geplanten Entfernungsmesser EM 9 ergänzt.

Zudem entfernte ich alle Planenösen, ersetzte sie durch neue geätzte und detaillierte die beiden beweglichen Luken innen zusätzlich. Vor allem der fehlende Kopfschutz an der Kommandantenluke und die Federungen sind zu erwähnen.

Die Halterungen für die Seitenschürzen entfielen. Wo sie vorgesehen waren, sind Befestigungspunkte und Löcher anzubringen. Die meisten späten Jagdpanzer IV zeigen auf Fotos zwar die Halterungen, aber keine Schürzen.

Nun zu den Motordeck-Änderungen. Hier ist zunächst der gepanzerte Antennensockel der Sternantenne zu nennen. Beides stammt von der Firma Panzer Art, genau wie die normale 2-m-Antenne.

Des Weiteren nahm ich Verfeinerungen sämtlicher Werkzeughalterungen vor und fertigte die Rohrwischerstangen samt Halterungen neu an. Dafür kamen wiederum Ätzteile von ABER zum Einsatz. Ein eklatanter Fehler des Tamiya-Modells fiel mir erst sehr spät auf: Die hinter dem Aufbau angebrachten Schürzen.

Tamiya sieht dafür an der hinteren Aufbaukante eine Nut vor, um hier die Schürzen besser befestigen zu können. Diese Nut ist jeweils zu verschließen und die Schürzen sind weiter nach hinten zu versetzen!

Viele der späten Jagdpanzer IV zeigen auch diese Schürzen nicht mehr. Andere hatten daran Haken befestigt, um Schleppseile einhängen zu können. Diese fertigte aus Seilkauschen aus Tamiyas StuG III und verzinntem Kupferseil von MR Modellbau an.

Bemalung mit Hindernissen

Bei der Bemalung ging so ziemlich alles schief, was nur schief gehen konnte. Die recht scharfkantige Dreifarbentarnung der späten Jagdpanzer IV wollte ich nicht freihändig lackieren, um das auf den Originalfotos zu erkennende Tarnschema weitestgehend nachzuempfinden.

Ich entschied mich daher, die einzelnen Farben vor dem Lackieren mit BluTack von Bostik (= UHU tak/patafix, Loctite Fun-Tak) abzudecken. Nach einer Vorschattierung in Lederbraun brachte ich Sandgelbflächig auf.

Nach dem Trocknen deckte ich die Bereiche ab, die später Sandgelb bleiben sollten. Es folgten ein Auftrag Dunkelbraun. Nach einer weiteren Trocknungsphase eine weitere Schicht Blu Tack und Tamiya Tape, um auch die dunkelbraunen Flächen zu schützen, bevor Olivgrün den Tarnfarbenauftrag als letzte Farbschicht abschloss.

Leider verstopfte meine Spritzpistole bei den Lackierarbeiten dauernd und fabrizierte eine grausame Farboberfläche.

Sämtliche Korrekturmaßnahmen scheiterten. Nach dem Auftrag der drei Grundfarben überlegte ich, wie ich die Acrylfarben am besten wie der entfernen könnte. Hinzu kam, dass sich das Blu Tack nach den Lackierarbeiten nicht mehr einwandfrei vom Modell lösen wollte.

Nachdem ich auch dieses Problem sehr zeitintensiv beseitigen konnte, gefiel mir weder das Tarnschema noch die Farbkombination.

Also griff ich nochmals zur Pistole und arbeitete nun doch das Schema freihändig mit anderen Farben nach. Auch hier verweigerte sich die Pistole öfter…

Nachdem mir die überarbeitete Tarnung gefiel, sollte eine Lage Klarlack als Vorbereitung für den Decal-Auftrag dienen. Dies führte fast zum Supergau! Der Lack perlte auf der Oberfläche ab und bildete eine feine Orangenhaut.

Verzweifelt versuchte ich zu retten, was zu retten war, und schliff nach ausgiebiger Trockenzeit mit einem Glasfaserradierer die Oberfläche vorsichtig an.

Eine weitere Schicht Klarlack verbesserte das Ergebnis danach etwas. Aus lauter Verzweiflung brachte ich die Decals an und versuchte, das Ganze mit einer Schicht Mattlack zu retten.

Hierzu wechselte ich vorher aber noch Nadel und Düse meiner Spritzpistole … und alle Sorgen waren vergessen! Gut, die Oberfläche des Modells ist sicherlich nicht so glatt wie sonst, aber ok.

Den Abschluss bildete die obligatorische Alterung mit Washing, Pinwashing und Pigmenten. Alles dies führte auch dazu, dass viele Lackierfehler nun kaum noch zu sehen sind.

Zum Abschluss wurde der Jagdpanzer in eine Vignette integriert, die ihn nach der Übergabe an die Kanadier der „Fort Garry Horse“ im Mai 1945 zeigt. Die Fahrzeuge der s.H.Pz.Jg.Abt. 655 wurden in Oldenburg auf einem großen, freien Gelände abgestellt und dort von den Siegern begutachtet.

TEXT und FOTOS: Frank Schulz
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