Upgrade ohne Zurüst-Sets

USS HORNET CV-8: Riesen Flugzeugträger der Extraklasse

In einer Zeit, in der es so viele Zurüst-Sets wie noch nie gibt, zeigt unser Autor, wie man ein Modell des 1942 versenkten Flugzeugträgers USS HORNET CV-8 ganz ohne vorgefertigte Hilfsmittel, dafür aber mit Ehrgeiz und viel Eigenleistung, in ein Modell der Spitzenklasse verwandelt.
Ein Flugzeugträger-Modell der Extraklasse: die USS HORNET CV-8 © Wolfgang Wurm
Ein Flugzeugträger-Modell der Extraklasse: die USS HORNET CV-8

Nach den ausgezeichneten Erfahrungen mit der 1:200er-BISMARCK von Trumpeter waren die Erwartungen an die neue USS HORNET entsprechend hoch. Doch folgte die Enttäuschung auf dem Fuß: Die Qualität der HORNET konnte nicht annähernd mit der, der BISMARCK mithalten!

Es schien, dass Merit nur eine aufgeblasene Version des 350er-Bausatzes von Trumpeter präsentierte. Vor allem der Rumpf im Bugbereich glich eher einem Öltanker als dem schnittigen Original.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Also hieß es auf einen rettenden Zurüstsatz warten. Aber so schnell die Ätzteile-Hersteller bei der BISMARCK angesprungen waren, so träge verhielten sie sich bei der HORNET.

Irgendwann hatte ich das Warten satt! Bei mir setzte eine Art kindische Trotzreaktion ein, frei nach dem Motto: „Das probiere ich jetzt selbst! So ein Riesenmodell lässt sich sicher auch ohne das ganze Messing-Lametta detaillieren. Ich brauche keine zusätzlichen teuren Ätzteile-Sets!“

Mächtig viel Plastik!

Es quoll ziemlich viel Kunststoff aus der Packung. Ein gigantischer einteiliger Rumpf, Hangardecks, Zwischenwände, die Insel und nicht zuletzt das zweiteilige, transparente Flugdeck. Letzteres halte ich für eine entbehrliche Idee, denn bedingt durch die Plankenstruktur wäre das darunterliegende Hangardeck sowieso nur schemenhaft zu erkennen.

Ein erstes „trockenes“ Zusammenstecken ließ erahnen, was für ein mächtiges Stück Schiff da entstehen würde.

Die riesigen Teile sind halbwegs problemlos zu verkleben. Allerdings kam auch eine große Tube Spachtelmasse für fugenlose Übergänge zum Einsatz! Zudem stieß ich auf Konstruktionsfehler.

Die HORNET speckt ab

Zu Beginn wurde deutlich, dass viele Bauteile zu dickwandig oder zu grob ausgefallen waren. Insbesondere die Splitterschutzwände der Flakstände waren fast einen Millimeter stark.

Ein Austausch gegen selbst gebaute Wände aus dünnerem Plastik-Sheet erschien mir wegen der zahlreichen Rundungen nur bei den einfacheren Bereichen zweckmäßig.

So entschied ich mich, alle Wände mit Microfeile und Sandpapier hauchdünn abzuschleifen! Eine mühsame, langwierige Arbeit, aber immerhin standen die Schwalbennester nach wie vor perfekt in Reih und Glied.

Zu diesem Zeitpunkt kam, was kommen musste: Die ersten Zubehör-Sets erschienen auf dem Markt und nun konnte ich frustriert im Internet die messingfunkelnden HORNET-Modelle von Tetra Modelworks und Konsorten studieren.

Zu spät!

Jetzt kam zum Trotz mein Ehrgeiz dazu! Ich wollte die Zurüstsätze, wo immer möglich, durch meiner eigenen Hände Arbeit übertreffen! Zugegeben, das ging nicht überall. Fotogeätzte, durchbrochene Bodengitter für die Laufstege würden kaum „mit Bordmitteln“ zu erzeugen sein.

Doch ich konnte an verschiedenen anderen Stellen die Stärken meiner Eigenbauten voll ausspielen: Zum Beispiel standen Splitterschutzwände nicht einfach so als Blechplatten in der Gegend herum, sondern waren auf der Innenseite in regelmäßigen Abständen mit Streben abgestützt!

Diese Rippen konstruierte ich aus 0,2-mm-Polystyrol ebenso wie die Streben und Stützen der überhängenden Laufgänge, Decks und Plattformen.

Jene Hangarwände, die außen bündig mit dem Rumpf saßen, klebte ich schon sehr früh an, verspachtelte und verschliff die Übergänge sauber. Im Original bildeten sie bis unters Flugdeck eine homogene verschweißte Wand und nichts stört den realistischen Eindruck mehr als ein Spalt zwischen den Bauteilen!

Jene Hangarwände, die außen bündig mit dem Rumpf saßen, klebte ich schon sehr früh an, verspachtelte und verschliff die Übergänge sauber. Im Original bildeten sie bis unters Flugdeck eine homogene verschweißte Wand und nichts stört den realistischen Eindruck mehr als ein Spalt zwischen den Bauteilen!

Lieblos gestalteter Rumpf

Der riesige Rumpf stand kahl wie Kojaks Hinterkopf auf dem Basteltisch; keine noch so kleine Struktur war zu finden. Diese Flächen mit Dreidimensionalität zu füllen, war eine besondere Herausforderung.

Beim Betrachten von Originalfotos erkannte ich eine horizontale Gliederung in Form von überlappenden Blechstreifen. Ich stellte zwei erhabene Bänder mit Streifen von Klebeband dar. Sie wurden dreimal mit Grundierung aus der Spraydose gefüllert und jeweils leicht überschliffen.

Außerdem habe ich eingedellte Bleche, sich abzeichnende Spanten und einiges Mehr mit der Illusionsmalerei (siehe MODELLFAN 2/2014) dargestellt.

Die Bemalung des Flugdecks

Echtholzdecks empfinde ich bei Flugzeugträgern als kontraproduktiv: Denn so ein Flugdeck besteht neben Holzplanken auch aus unzähligen gelochten Metallbändern. Nachdem ich mit einer feinen Drahtbürste eine leichte Holzmaserung in das Deck gekratzt hatte, grundierte ich die späteren Metallstreifen mit Schwarz.

Mit dem Finger rieb ich dann Grafitpulver – von einem Bleistift abgeschabt – über die Metallteile: Das erzeugte eine extrem realistisch wirkende, schimmernde Metalloberfläche.

Zuletzt wurden diese Metallbänder mit einem dünnen Maskierband abgeklebt und das Deck mit hellen Holztönen lackiert. Nach dem Abziehen der Bänder kam der tolle Kontrast zwischen mattem „Holz“ und metallisch schimmernden „Eisenbändern“ zur Geltung.

Meinen die das ernst?

Das Prädikat „Spielzeug“ verdienten zweifelsohne die beiden Bordkräne, deren rudimentäre Formgebung, eine massiv ausgegossene „Gitterstruktur“ und die bereits angeformten Haken besonders negativ auffielen.

Ich zerteilte die klobigen Kräne mit der Feinsäge in zwei Hälften. Diese schliff ich dann papierdünn und klebte sie mit Distanzstreifen zu einer hohlen Form zusammen. Jetzt konnte man wie im Original durch die dünnen „Blechkanten“ der Krankonstruktion blicken.

Das Flugzeuggeschwader

Bevor ich den Hangar endgültig mit dem Flugdeck verschloss, musste ich die Flugzeuge, die den Hangar bevölkern sollten, fertigen. Hier darf ich mal ein Kompliment an Merit aussprechen, denn obwohl die kleinen Flieger zur Gänze aus dem schwer zu bearbeitenden transparenten Kunststoff gespritzt waren, erwiesen sie sich als wahre Juwelen und jeder für sich als Bausatz im Bausatz. 

Für die Darstellung eines Trägergeschwaders wäre es ein feiner Zug gewesen, die Tragflächen zu trennen, um sie auch im eingeklappten Zustand einbauen zu können. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Flächen der Devastatoren und Hellcats mit der Feinsäge abzutrennen, um sie einzuklappen.

Dass die Dauntless-Torpedobomber keine klappbaren Tragflächen hatten, fand ich allerdings erst bei einer Internetrecherche heraus, nachdem die Amputation bereits vollzogen war. Aber dieser kleine Kunstfehler ließ sich glücklicherweise reparieren.

Nach der Detaillierung des Hangardecks mit Flugzeugen, Personal und allerlei Ausrüstungsgegenständen kam der point of no return: Das riesige Deck auf die Hangarwände zu kleben, war nicht ganz einfach.

Reif für die Insel

Bei der Insel (so nennt man die Aufbauten eines Trägers) darf man den Werkzeugbauern ein großes Kompliment machen: Sie wurde im Slide-Mold-Verfahren in nahezu einem Stück hergestellt.

Die vielen Laufgänge, die Masten und Schornsteine ließen sich problemlos zusammenbauen. Natürlich habe ich auch hier alle möglichen Register gezogen, um die Relingwände auszudünnen und mit Streben zu versehen.

Die komplexe Tarnung des Schiffes bedingte ein mühseliges Abkleben. Hier unterlief mir ein folgenschwerer Schnitzer, denn nach fertiggestellter Lackierung der Brücke wollte ich noch eine Schicht matten Klarlacks aus der Dose aufbringen.

Keine gute Idee! Der Lack griff eine der Tarnfarben an und veränderte sie im Farbton. Wie auch immer: Ich musste die ganze Prozedur des Tarnflecken- Aufklebens noch einmal durchziehen.

Homogener Übergang

Bei der Alterung der Insel ging ich wie beim Rumpf vor: Nach einem Washing wurden mit Microbemalung Blechstöße angedeutet und anschließend die Bullaugen mit einem Faserstift geschwärzt.

Besonders wichtig war mir immer, einen homogenen Übergang zwischen Aufbauten und Deck zu schaffen wo sich beim original Schmutz und Rost besonders ansammelten. Dazu nutzte ich Pastellkreidestaub.

Die Verspannung der Masten war bei der HORNET recht anspruchslos. Ein paar Antennen, ein paar Signalleinen – fertig. Ich takelte das erste Mal mit dem Garn von Uschi van der Rosten, das ich uneingeschränkt empfehlen kann. Flexibel, hauchdünn und perfekt zu kleben.

Das Geschwader fliegt ein...

Der absolute Höhepunkt des Baus war das "Boarding" der Flugzeuge. Allerdings fehlten noch die speziell für den Doolittle-Raid angebrachten weißen Decksmarkierungen

Die 16 Army-Bomber drängten sich so weit wie möglich achtern, wo es dementsprechend eng zuging. Sie alle wurden mit Tauen aus gezogenem Gießast für die Reise über den Pazifik festgezurrt.

Wer aus der Merit-HORNET ein detailreiches Schmuckstück machen will, darf sich warm anziehen. Selbst bei Verwendung von Zurüst-Sets wird man auf umfangreiche Recherchen und intensiven Scratchbau nicht verzichten können.

Doch der Bausatz bietet eine solide Basis und bei entsprechender Zuwendung kann ein wirklich atemberaubendes Modell entstehen!
 

TEXT und FOTOS: Wolfgang Wurm
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